Tschüss, ihr Schleimer! Erfolgreich zum schneckenarmen Garten

Die letzten Sommer waren zwar recht trocken, aber kaum regnet es dieses Jahr mal ein paar Tage lang, wimmelt es in manchem Garten gleich wieder von fiesen Nacktschnecken, die es auf dein Gemüse abgesehen haben. Bei mir nicht mehr. Wenn du wissen willst, warum das so ist, dann lies weiter

Transkript des Videos:

Ich möchte dir heute eine Geschichte erzählen, die vor fast einem halben Jahrhundert anfängt. Damals war ich noch klein und wir hatten unseren ersten Garten, in dem ich die tollsten Sachen erlebt habe.

Die Siebziger waren schon eine ulkige Zeit: Dem Mief der 50er war man endlich entkommen, das ‚Wir-sind-wieder-wer‘ hatte dem ‚Zeig-was-du-hast‘ Platz gemacht, und genau das sah man auch in den Gärten. Die Holzzäune wurden unbekümmert mit Carbolineum gestrichen, im Vorgarten stand zwingend ein Essigbaum und die Wiese wich dem englischen Rasen. Die sorgfältig arrangierten Exoten mussten natürlich verteidigt werden, aber da konnte man auf fantastische Mittel zurückgreifen, die schon in der Landwirtschaft eingesetzt wurden, zum Beispiel DDT, das munter versprüht wurde, auch nachdem man das nicht mehr so wirklich durfte. Wir hatten da richtig Glück, denn schon einige Jahrzehnte zuvor hatten sich weltweit eine Handvoll kluger Konzerne, die ursprünglich ganz andere Chemikalien produzierten, den Pestiziden und Herbiziden gewidmet – und dem dazu passenden Saatgut gleich mit. Das war richtig schlau. Für unsere Felder und Gärten war also gesorgt. Gegen Schnecken waren damals besonders zwei Mittel sehr beliebt, nämlich Methiocarb und Metaldehyd.

Die Lieblingswiesen meiner Kindheit veränderten sich aber plötzlich; der Klatschmohn und das Wiesenschaumkraut verschwanden beinahe vollständig. Etwa zeitgleich wurden die Hausgärten von einer wahren Schneckeninvasion heimgesucht, gegen die natürlich mehr und noch mehr der beliebten Gegenmittel verstreut werden musste. Dann passierte das, was ich rückblickend als wahren Geniestreich des Marketings bewundern muss:

Die Geburt der Spanischen Wegschnecke

Eine ganz besondere Art der Schleimer widerstand offenbar zum Teil den Giftattacken und Fressfeinden. Das war merkwürdig, klärte sich aber, als uns eines Tages erzählt wurde, dass es sich bei dieser Art um einen fiesen Einwanderer handelte, nämlich die Spanische Wegschnecke, die deshalb von unseren hiesigen Schneckenfressern keiner mochte. Man wusste auch genau, wie die nach hier gekommen war, nämlich mit Obst- und Gemüselieferungen von der iberischen Halbinsel.

So ganz hatten wir den Südländern ja nie getraut, auch wenn wir gerne bei denen Urlaub machten, aber das ging jetzt doch zu weit. Unsere eigenen Schnecken hatten wir plötzlich sehr lieb und verteidigten sie gegen die Invasoren. Zu unserem Glück hatten wir ja die schon erwähnten Konzerne auf unserer Seite, die nicht müde wurden, uns zu erzählen, wie wichtig es für das Gleichgewicht in unserer Natur war, den Aggressor wieder loszuwerden. Natürlich war inzwischen eine milliardenschwere Industrie daraus geworden, aber es war ja zu unserem Besten.

Irgendwann wurde trotzdem den ersten Leuten mulmig. Die beliebtesten Schneckengifte waren offenbar auch für viele andere Lebewesen tödlich, anscheinend sogar für allzu neugierige Kleinkinder und Hunde. Die Industrie reagierte prompt und stellte uns Eisen-(III)-Phosphat zur Verfügung, ein Schneckenkorn, das die Guten am Leben ließ und nur die Bösen tötete. Dieses tolle Mittel war und ist sogar in der biologischen Landwirtschaft zugelassen, und auch ich habe es bis 2013 benutzt. Dann kam aber:

2014 – Das Jahr der Umwälzung

Im Juni 2014 veröffentlichte die Uni Frankfurt die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeiten zur Spanischen Wegschnecke. Man hatte sich durch die gesamte iberische Halbinsel und anschließend auch durch Frankreich gekämpft, und tausende Schneckenarten auf ihr Erbgut untersucht. Dabei fand man ganz viele Arten, die man bis dahin noch gar nicht kannte, aber keine einzige trug das Erbgut der sogenannten Spanischen Wegschnecke in sich. Das fand man erst, als die Untersuchungen sich auch auf Mitteleuropa ausweiteten. Das erschütternde Ergebnis: Die Spanische Wegschnecke war in Wirklichkeit eine der Unsrigen. Alle bis dahin angepriesenen Methoden zur Bekämpfung invasiver Arten waren mit einem Schlag hinfällig, genauer gesagt sogar verboten. Das massive Auftreten der gefräßigen neuerdings Kapuzinerschnecke genannten Art wurde im Resümee der Forschungsarbeit abmahnungssicher als Folge ‚veränderter landwirtschaftlicher Anbaumethoden‘ erklärt.

Im September 2014 wurde Methiocarb als Schneckenbekämpfungsmittel verboten, weil die Nahrungskette doch irgendwie länger war als man zunächst bedacht hatte. Kleinnager fraßen vergiftete Schnecken, Eulen und Greifvögel fraßen die Kleinnager, andere nahmen das Gift direkt als Futter auf, Wacholderdrosseln und Rotkehlchen starben in großer Zahl durch Methiocarb. Das kaum weniger giftige Metaldehyd ist bis heute zugelassen. Aber zurück zu der Forschungsarbeit:

Ich könnte jetzt sagen, dass es genau dieser Paukenschlag war, der mich dazu veranlasste, von einem Tag auf den anderen kein Schneckenkorn mehr zu verwenden, aber in Wirklichkeit war das viel banaler. Einer der von mir so geschätzten Tigerschnegel hatte davon gefressen und fing schon an auszutrocknen. Ich habe ihn einen ganzen Nachmittag lang mit Regenwasser gespült, und er hat es auch tatsächlich überlebt, aber mir wurde plötzlich bewusst, dass eben nicht nur die Bösen an dem Korn sterben.

Ulkigerweise wurde die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse zwar in vielen Medien verbreitet, von der Öffentlichkeit und der Industrie jedoch weitgehend ignoriert. Nach wie vor wurden Bekämpfungsmittel mit dem Hinweis auf die angeblich eingewanderte Spanische Wegschnecke vertrieben. So schnell wollte man sich den gigantischen Markt dann doch nicht kaputtmachen lassen. Das klappt zum Teil bis heute richtig gut. Für mich musste aber 2014 eine Alternative her. Da stellte sich mir natürlich die Frage:

Kann es einen Nutzgarten ohne Schneckenkorn geben?

Ich gebe zu, dass ich beim Gedanken daran milde Panik verspürte. Ich hatte ja gelernt, dass ich nur dann Gemüse anbauen konnte, wenn ich es mit Klauen und Zähnen gegen die Schleimer verteidigte. Mein Garten würde doch bestimmt überrollt von diesen gefräßigen Kapuzinerschnecken. Und so war es auch.

Der Sommer 2014, besonders der August, war hier richtig schlimm verregnet. Ich bin jeden Abend durch den Garten gegangen, um Schnecken zu sammeln, aber es kamen immer wieder neue, die sich im Licht meiner Stirnlampe tummelten. Mein Gemüse sah mitleiderregend aus.

Es kursierten im Internet unzählige Tipps, wie man mit natürlichen Mitteln die Plage unter Kontrolle bekommt. Ich habe sie alle ausprobiert. Meine Tests hatte ich dir ja zum Teil schon mal gezeigt. Keins dieser Mittel hat wirklich gewirkt. Das hatte das Schneckenkorn aber eigentlich auch nicht. Dann kam aber:

Der erste von zwei glücklichen Zufällen

Minze. Ich wollte es zuerst kaum glauben, aber ganz poplige getrocknete Minze, auf meine Gemüsepflanzen gebröselt, hielt die Schleimer tatsächlich fern. Das war zu schön, um wahr zu sein, deshalb habe ich das sehr lange und sehr intensiv getestet. Inzwischen weiß ich dank eurer vielen tollen Rückmeldungen zu meinem damaligen Video, dass das nicht nur bei mir funktioniert, sondern auch bei euch. Wäre mir das eher eingefallen, hätte ich mir den ersten schlimmen Sommer ersparen können, aber deshalb sage ich dir das jetzt. Für irgendwas muss so ein Video ja gut sein. Einige Schleimer kamen natürlich doch noch an die Pflanzen, aber hier kam mir

der zweite glückliche Zufall

zur Hilfe. Zwei ganz liebe Frauen hatten mir Wolle geschenkt, also frisch vom Tier, nicht die zum Stricken. Einmal vom Alpaka, einmal vom Schaf. Die wollte ich eigentlich als natürlichen Stickstoffdünger einsetzen, habe sie aber erst mal statt der gar nicht so schlecht gegen Schnecken wirksamen Schafwollpellets eingesetzt. Die Pellets wirken erst, nachdem sie nass geworden sind, zerfallen aber irgendwann, was ja an sich nicht schlimm ist, weil sie dann eben zu Dünger werden, aber man muss sie, wenn man Schnecken damit fernhalten möchte, alle paar Wochen neu ausbringen.

Das Vlies dagegen hält bei mir monatelang; ich habe dieses Jahr sogar welches vom vorigen Jahr wiederverwenden können. Und meine Theorie, dass Schnecken nach dem Geruch gehen, hat sich meiner Meinung nach bestätigt, denn die ungereinigte Schafwolle mit einem bisschen Kacke dran wirkt am besten. Ich nehme das inzwischen zum Mulchen, denn anders als in warmen trockenen Gegenden wirkt eine Mulchschicht aus Gras o.ä. in der regenreichen Nordeifel wie ein Lockmittel für Nacktschnecken. Mit dem Wollvlies trocknet der Boden bei langer Dürre nicht so aus, und selbst an solche Schneckenmagneten wie Topinambur geht keiner ran.

Die Kombination aus der Wolle und der Minze ist endgültig der Brüller. Ich habe mir längst abgewöhnt, abends auf Kontrolle zu gehen. Brauche ich nicht mehr. Natürlich gibt es in meinem Garten noch Schnecken, aber hier hat sich in den letzten Jahren Erstaunliches getan:

Viele neue Schneckenarten

sind plötzlich aufgetaucht, zum Beispiel der grundharmlose Pilzschnegel, den es hier früher gar nicht mehr zu geben schien und von dem ich vor wenigen Jahren das erste Exemplar überhaupt sah. Inzwischen wohnen recht viele von denen hier. Schon während der Zeit, als ich noch auf nächtliche Nacktschnecken-Patrouille ging, war mir aber aufgefallen, wie mein Garten sich wandelt. Tagsüber sieht man davon kaum etwas, mal einen verirrten Frosch oder eine aufgeschreckte Kröte, mal ein paar Weinbergschnecken, aber nachts trifft man auf dieser doch gar nicht so großen Fläche eine Vielfalt an, die mich wirklich erstaunt hat.

Seitdem gehe ich im Dunkeln nur noch mit Stirnlampe raus, damit ich niemanden versehentlich trete. Die Taktik der meisten Tiere scheint zu sein, so lange bewegungslos auf einer Stelle zu verharren, bis ich sie für einen Stein halte und weitergehe. Weglaufen tut da keiner. Manche sind auch einfach zu beschäftigt für den eigentlich zu erwartenden Fluchtinstinkt. Die Lieblingstiere meiner Kindheit sind auch endlich wieder da: Molche. Und sie verputzen Raupen und Schnecken, das ist einfach nur Klasse. Im Gras sah ich einige Lederlaufkäfer, die es auch wieder in größerer Zahl hier gibt und die sich als eine der wenigen Tierarten genüsslich über die Kapuzinerschnecken hermachen; sowohl die ausgewachsenen Tiere als auch ihre Larven fressen die. Seit ich die dort vor fünf oder sechs Jahren entdeckt habe, vertikutiere ich meinen Rasen nicht mehr, denn sie leben zum Teil direkt unter der Grasnarbe. Macht aber nichts: Mein Rasen sieht genauso aus wie früher, weil andere für seine Belüftung sorgen, die sich auch nur nachts zeigen, nämlich riesige Würmer, die aus tieferen Bodenschichten nach oben kommen und von dort Laub und Pflanzenreste nach unten ziehen. Tolle Tiere.

Mir ist wohl bewusst, dass das ein zerbrechlicher Frieden ist. Einige Nachbarn streuen weiter munter Metaldehyd aus und sammeln monatelang Totholz, bis sich darunter ganz viele Nützlinge angesammelt haben. Dann zünden sie den Haufen an. Ich bin also anfangs wirklich an der Hecke entlang gegangen, habe alle Tigerschnegel und Weinbergschnecken eingesammelt, die sich in Richtung Giftgarten bewegten, und sie wieder in meine Beete verfrachtet. Ich konnte trotzdem nicht alle retten. Immer wieder finde ich vergiftete Tiere, auch Laufkäfer, vor allem aber Schnegel und Gehäuseschnecken.

Wohlgemerkt sind beide Arten keine Heiligen: Die Tigerschnegel knabbern gerne mal an einer Erdbeere, und die Weinbergschnecken fahren voll ab auf Eisbergsalat. Deshalb bekommen sie von mir auch immer einen oder zwei pro Saison für sich und lassen den Rest dann tatsächlich in Ruhe. Insgesamt fressen sie deutlich weniger Frisches als die Kapuzinerschnecken, also wirklich nur einen Bruchteil. Lieber mögen die Schnegel zum Beispiel Pilze, auf denen sie nachts richtige Orgien feiern. Und selbst wenn mal was dabei ist, was eigentlich ich selber essen wollte: man muss ja auch ‚jönne könne‘.

Auch wenn die Fälle, bei denen ich Tigerschnegel auf der Jagd nach Kapuzinerschnecken beobachtet habe, wenige waren: Ich glaube inzwischen, dass die Vermehrung der anderen Arten dazu geführt hat, dass der Bestand der Kapuzinerschnecke so stark zurückgegangen ist. Es gibt sie noch, und da sie sich mit mindestens zwei anderen Nacktschneckenarten paaren kann, ist sie auch nicht ganz eindeutig zu bestimmen, was eine gezielte Bekämpfung noch sinnloser machen würde. Sie verursacht bei mir aber kaum noch Schaden. Die Zahl ihrer Konkurrenten und Feinde ist inzwischen einfach groß genug geworden. Da stellt sich mir natürlich die Frage:

Wie mache ich meine Nützlinge zu Schützlingen?

Im August kann ich an vielen Stellen im Garten nachts das beeindruckende Paarungsritual der Tigerschnegel beobachten. Sie legen Eier, die transparent sind und die man deshalb nicht als Nacktschneckengelege entsorgen sollte. Die Fortpflanzung der Weinbergschnecken wirkt im Vergleich mit den Schnegeln fast romantisch, und manchmal bleiben sie zwei Tage in dieser Haltung. Da muss man schon aufpassen, wo man hintritt, erst recht, wenn sie sich zur Eiablage eingebuddelt haben. Danach heißt es auch, die Augen bei allen Erdbewegungen offen zu halten, denn sieh mal: So winzig sind frisch geschlüpfte Weinbergschnecken. Die hätte ich fast beim Auskippen eines Kübels übersehen. Sind die nicht total putzig?

Molche, Kröten und Frösche haben es hier noch schwerer. Die Pfützen, in denen die Kröten gerne ihre Eier ablegen, frieren oft im späten Frühjahr noch einmal komplett zu. Die kleinen Wassergräben hier oben am Ortsrand, in denen die Frösche laichen, werden in manchen Jahren von Waldarbeitern ausgehoben, noch bevor die Kaulquappen Beinchen zum Wegrennen haben. Da finde ich es wichtig, dass so viele Tiere wie möglich ein Versteck oder sogar ein Überwinterungsquartier in meinem Garten finden, wo ich sie dann auch komplett in Ruhe lasse. Das sind zum Beispiel diese Trockenmauern, die ich aus den Steinen gemacht habe, die sich vorher im Erdreich bei mir befanden. Laub bleibt bis zum Frühjahr liegen und ist dann voller ganz kleiner Tigerschnegel. Die Hochbeete räume ich auch nicht vor dem Winter ab und finde manchmal im zeitigen Frühjahr schon ganz winzige Weinbergschnecken.

Igel überwintern in den Bereichen meines Gartens, die meine Nachbarn als peinlich und ungepflegt bezeichnen. Dort wohnen vermutlich auch noch andere Arten. Das eine oder andere kleine Stück habe ich tatsächlich dauerhaft an sie abgegeben, aber ich habe das Gefühl, dass ich dadurch viel gewonnen habe.

Etwas zähneknirschend muss ich sogar zugeben, dass die fiesen Nacktschnecken durchaus ihren Platz in meinem Garten haben, denn sie entsorgen zum Beispiel Tierkadaver oder auch die Hinterlassenschaften von Füchsen und anderen. Das tun auch die Tigerschnegel, sieh mal hier. Der ist doch irgendwie größenwahnsinnig, oder? Insgesamt kann ich aber sagen, dass sich hier deutliche Entspannung breit macht. Ich kann endlich

gelassen gärtnern

Ich gebe das nur zögernd zu, aber durch die Schleimergeschichte bin ich zu einem ganz anderen Umgang mit meinem Garten gelangt. Ich trotze nicht mehr der Natur einen Teil für mich ab, sondern ich teile mir ein Stück Natur mit anderen. Das heißt, dass auch ich davon profitiere. Ich muss mich nicht mehr um alles kümmern, weil ich Helfer habe, gewinne viel Zeit, weil ich seit drei Jahren nicht mehr abends auf Schneckenjagd zu gehen brauchte, und habe doch schöneres Gemüse als je zuvor. Und das auf so einfache Art, ohne unnötige Kosten oder ähnliches, einfach nur mit etwas Geduld – und mit der Überwindung, die der erste Schritt mich gekostet hat. Das gebe ich zu. Ich finde aber, das hat sich gelohnt, meinst du nicht auch?