Erfolgreich Gärtnern in rauem Klima

Bringen auch dich die Fotos anderer Gärtner zum Weinen? Braucht bei dir alles viel länger? Macht gar nichts! Hör nicht auf die Schönwettergärtner, sondern sieh dir mein Video an. Was bei mir in der Nordeifel gedeiht, wird bestimmt auch bei dir etwas


Transkript des Videos:

Was meine ich mit rauem Klima?

Wie einige von euch wissen, gärtnere ich am Nordrand der Eifel, einer wunderschönen Region, die aber schon vom Alten Fritz als ‚Preußisch Sibirien‘ bezeichnet wurde. Damals wurde der Militärdienst in der Eifel als Strafe betrachtet, und so richtig gut leiden konnten die Preußen wohl auch die hiesigen Bewohner nicht. Na ja. Macht nichts. Es muss einen nicht jeder mögen.

Unsere Jahresdurchschnittstemperatur liegt laut der nächstgelegenen Wetterstation bei 8 Grad. Das sind nicht mal drei Grad weniger als beispielsweise in Köln. So richtig schlimm scheint es also auf den ersten Blick nicht zu sein. Was uns gartenmäßig das Genick brechen kann, sind aber die Ausreißer. Wir haben manchmal im Februar Nächte bis an die minus 20 Grad, und selbst eine einzige solche Nacht ist bei Kahlfrost der Tod unzähliger Gartenpflanzen. In manchen Jahren liegt auch monatelang Schnee, zum Beispiel im Winter 2004 auf 2005, oder es fällt wochenlang so viel Weiß vom Himmel, dass die Räumdienste nicht mehr wissen, wohin mit dem Zeug, wie zuletzt von 10 auf 11. Der erste Schnee fällt in manchen Jahren Ende Oktober, der letzte fast immer Ende April oder Anfang Mai. Nicht mal sechs Monate sind also frei von Wintergefühlen, sieht man mal von den Augustnächten mit 2 Grad ab. Zu denen habe ich dir mal zwei Vergleichsgrafiken rausgesucht, sieh mal, das hier sind unsere Nächte im Jahr 2020… und das hier die in Köln. Da liegen im Sommer locker zehn Grad und mehr dazwischen. Und da habe ich noch nicht vom Wasser gesprochen. Wir haben im Durchschnitt ca. 1.200mm Niederschlag im Jahr. Berlin hat zum Beispiel nur etwa 670.

Wie kann man da nur freiwillig gärtnern?

Die Frage stellen Flachländer, wie wir scherzhaft die klimatisch Begünstigten nennen, wohl nicht nur uns, sondern auch den Hobbygärtnern im Vogtland, dem Schwarzwald, dem Westerwald, dem Erzgebirge, den windumtosten Regionen im Norden Deutschlands, dem Hochsauerland und vielen weiteren Landstrichen. Und natürlich geht das, aber es erfordert ein wenig Raffinesse.

In Frühjahren wie 2021 wird diese Raffinesse vielleicht auch für andere Gartenmenschen interessant, vor allem für Neulinge, die vielleicht kurz vor der Verzweiflung stehen. Gib nicht auf! Welche Tricks ich mir im Laufe der Jahre angeeignet habe, zeige ich dir hier. Einer der allerwichtigsten Tipps ist erst mal dieser:

Ignorier deine wärmeverwöhnten Kollegen!

Wer gerade mit dem Gärtnern angefangen hat, fragt sich wahrscheinlich beim Blick auf die wunderschönen Frühlingsfotos, die spätestens im März die einschlägigen Foren fluten: „Was stimmt mit mir nicht?“ Während am Niederrhein oder im Ruhrgebiet schon die Harke geschwungen wird, steht bei uns noch der Schneeschieber griffbereit. Aufforderungen wie „Zeig doch mal deinen Garten!“ ignorieren wir geflissentlich, und unsere mühsam vorgezogenen Pflänzchen mickern noch drinnen vor sich hin, während sie bei anderen schon Früchte ansetzen. Aber nicht nur der Vergleich mit Kolleginnen und Kollegen kann einen zum Weinen bringen. Deshalb ist auch dieser Tipp hier ganz wichtig:

Ignorier die Aussaattermine auf den Saatgutbeutelchen!

Ich las letztens ‚Aussaat ab Mitte April, wenn der Boden sich dauerhaft auf ca. 15 Grad erwärmt hat‘. Hallo? Wie soll der Boden sich nach solchen Nächten auf 15 Grad erwärmen? Ganz wenige Kulturen schaffen es, unser Frühlingswetter gelassen zu ertragen, zum Beispiel Dicke Bohnen. Für die meisten Sachen gilt aber, dass man auf das, was auf den Beutelchen steht, locker einen kompletten Monat draufschlagen kann. Und muss.

Wird denn da überhaupt irgendetwas reif?

Na klar! Für zwei oder mehr Ernten pro Saison von meinen Hochbeeten muss ich aber schon ein bisschen tricksen. Während andere nach der Ernte der ersten Kulturen einfach noch mal direkt ins Beet säen, ziehe ich das meiste in Töpfchen vor und fange damit so etwa vier Wochen vor der letzten Ernte der Vorkultur an. Dann passt das schon. Ich stauche also die Gartensaison sozusagen auf unsere Kurzversion zusammen. Das rechtzeitige Vorziehen ist ein ganz wichtiger Trick, der einen echten Unterschied macht. Im Laufe der Zeit merkt man auch ganz gut, was sich für den Anbau im Raugarten eignet und was nicht. Ich komme da gleich noch mal drauf zu sprechen. Es gibt aber natürlich Sachen, die machen bei uns wenig Sinn. Deshalb ist dieser Tipp hier womöglich entscheidend:

Verabschiede dich von allen Dogmatikern!

Ich nenne hier nur mal zwei Beispiele: Das erste ist die Vorstellung, ein guter Gemüsegarten bräuchte unbedingt eine dicke Mulchschicht aus Rasenschnitt. Das mag in heißen und trockenen Phasen auch bei uns sinnvoll sein, aber die dauern hier meistens nicht lange. Viel wahrscheinlicher ist es, dass dein Gras, selbst wenn du es noch so gut trocknen lässt, nach der nächsten einwöchigen Starkregenphase wie eine luftundurchlässige Klumpschicht auf einen Beeten herummodert und ein Abtrocknen beinahe unmöglich macht. Da finde ich Schafwolle deutlich besser. Sie matscht nicht, lässt Luft durch und hält so manche Interessenten von deinem Gemüse fern, mit denen du lieber nicht teilen möchtest.

Das zweite Beispiel ist die Vorstellung, ohne jegliches Buddeln wüchsen die Kulturen in deinem Gemüsegarten am besten. Wer dir das sagt, hat wahrscheinlich noch nie wochenlang einen halben Meter oder mehr an Schnee auf den Beeten liegen gehabt. Wir dagegen wissen, dass die oberen zwei Handbreit nach der Schneeschmelze so verdichtet sind, als wäre jemand mit der Walze darüber gefahren. Wenn wir das nicht ein bisschen auflockern, werden wir keine einzige gerade gewachsene Möhre ernten können, und auch Schädlinge wie Drahtwürmer oder Dickmaulrüsslerlarven bleiben unentdeckt.

Es gibt noch mehr solcher dogmatischen Ansätze für das Gärtnern, die bei dir zu Frustration führen können, also nimm das nicht zu ernst und vertrau lieber dir selber. Und wo wir gerade bei dem sind, was andere dir erzählen:

Verabschiede dich von Begriffen wie ‚Freilandtomaten‘!

Ich erinnere mich noch gut daran, wie mal ein Wohltemperiert-Gärtner bei mir zu Besuch war und meine Tomaten begutachtete, die bei mir zwar draußen, aber unter dem Hausdach an der Wand stehen. Darunter waren auch Sorten, bei denen er nur den Kopf schüttelte, mich ansah, als wäre ich mild unterbelichtet, und laut rief „Aber das ist doch eine Freilandsorte! Die kann doch einfach ins Beet!“ Nein, kann sie nicht. Es gibt natürlich auch bei uns geschützte Talmulden, in denen mit etwas Glück die Tomatenpflanzen bis in den Herbst durchhalten. Hier oben am Waldrand auf knapp 500 Metern Höhe kannst du das meistens vergessen. Bei dir womöglich auch. Das gleiche gilt für Gurken und Paprika, die ich nur im Gewächshaus schön üppig bekomme, und für ganz viele andere Gemüse etc., zu denen man uns sagt „wird so gemacht“, „wird direkt ins Beet gesät“, „kann ab Juni geerntet werden“. Nein, kann es nicht und wird es nicht! Das wissen viele anscheinend nicht, die in Zeitschriften oder ähnlichem ihre allgemeingültig formulierten Tipps abgeben. Lass dich davon nicht fertigmachen!

Eine Überlegung, die wahrscheinlich alle klimatisch weniger Begünstigten anstellen, ist wohl die:

Brauche ich ein Gewächshaus?

Meine eindeutige Empfehlung lautet: Ja! Da reicht eigentlich ein kleines preiswertes wie meins. Ich finde natürlich die Edelteile auch schöner, aber bei mir war halt nur ein einfaches mit etwa 2×3 Metern drin, und das habe ich jetzt im elften Jahr. Und wenn du wissen willst, warum die Doppelstegplatten bei mir nicht innen schwarzgrün werden wie bei anderen: Die offenen Kanten habe ich gleich bei der Montage mit Allwetterklebeband abgedichtet, das zwar ganz langsam den Geist aufgibt, aber doch die Lebensdauer des Ganzen bestimmt verdoppelt hat. Ich zeige dir gleich noch, wozu so ein Gewächshaus im Winter gut ist, aber falls du nur im Freien anbauen kannst oder möchtest, stellt sich natürlich die Frage:

Gibt es denn überhaupt ‚Kaltgemüse‘?

Oh ja! Fast alles, was in den warmen Niederungen gedeiht, kann man auch bei uns anbauen. Manches muss man ein bisschen hätscheln wie beispielsweise Zucchini, aber ein paar Sachen wachsen bei uns sogar schöner. Das gilt vor allem für Pflanzen, denen Hitze und Dürre zu schaffen machen oder die ursprünglich aus kühlen Regionen der Welt stammen. Heimische – also wirklich regionale – Obst- und Gemüsesorten machen sich hier auch meistens besser als Züchtungen aus Italien oder Spanien, denn sie kennen es ja nicht anders. Etwa die Hälfte meiner Obstbäume stammt von unserer regionalen Biologischen Station. So etwas gibt es bestimmt auch bei dir in der Nähe.

A propos Nähe: In meinem Garten wachsen auch Pflanzen, die einfach wild in unserer Region vorkommen, zum Beispiel Schlehen, Walnuss, Hasel, Walderdbeeren, Holunder, Bärlauch oder Waldmeister. Die waren schon vor mir hier, und ich habe sie teils ein bisschen umgesetzt, ansonsten aber gelassen. Die kommen bestens zurecht, sind praktisch nie krank und liefern sehr zuverlässig schöne Ernten.

Ganz wichtig ist für mich aber im Lauf der Jahre der Austausch mit anderen Gärtnerinnen und Gärtnern geworden. Meine schönsten Kartoffelsorten habe ich zum Beispiel von einer lieben Frau aus der Schweiz, und für die alten Schweizer Bergsorten scheint unser Klima wie geschaffen zu sein. Aus dem Erzgebirge habe ich meine ersten Yaconknubbel bekommen, wofür ich bis heute dankbar bin, denn Yacon und auch Oca haben anscheinend hier einfach ideale Bedingungen. In heißen und trockenen Gegenden werden die oft gar nicht so schön wie bei uns. Probier also ruhig mal Ungewohntes von Hobbygärtnern aus anderen kalten Regionen aus. Das kann zu ganz tollen Überraschungen führen. Das Risiko invasiver Neophyten sollten zwar auch wir unbedingt im Auge behalten, aber ohne Betreuung überlebt sowieso das Wenigste hier den ersten Winter im Freiland.

Wie bringe ich denn dann empfindlichere Pflanzen über die kalte Jahreshälfte?

Gewächse, die gerne warm überwintern, nehme ich im Herbst mit nach drinnen. Gerade bei Paprikas und Chilis ist es nach meiner Beobachtung entscheidend, dass sie vor dem ersten Kälteeinbruch umsiedeln. Dann kommen sie recht gut ganz normal am Fenster und ohne Zusatzlicht über die nächsten Monate und setzen sehr früh die ersten Früchte an – was ansonsten hier alles andere als normal ist.

Manches überwintert aber lieber kühl, wenn auch frostfrei, zum Beispiel meine Andenbeeren und Melonenbirnen, oder auch Rosmarinstecklinge. Für die ist das Gewächshaus dann ideal. Ich kleide das im Spätherbst mit Styroporplatten aus, die man zum Beispiel beim Fachhandel für elektrische Großgeräte bekommt und die sonst teuer entsorgt werden müssten. Das Dach lasse ich frei, um die wenige Sonne hineinzulassen. In ganz kalten Nächten brauche ich natürlich trotzdem einen Frostwächter. Für den kann man jetzt richtig Geld ausgeben, oder aber man nimmt wie ich ein preiswertes Heizlüfterchen, das sich auch so einstellen lässt, dass es zum Beispiel bei Temperaturen unter drei Grad anspringt und beim Erreichen von fünf bis sechs Grad von alleine ausgeht. Das musste ich ein bisschen ausprobieren, und ich habe auch zur Sicherheit ein zweites Funkthermometer an unserer Wetterstation, das im Winter ins Gewächshaus kommt, damit ich beruhigt bin. Da ist es dann von Vorteil, dass mein Gewächshaus nicht so riesig ist, denn ich brauche selbst in einem richtig kalten Winter nur für ungefähr 30 bis 35 Euro Strom. Den mache ich so weit wie möglich sowieso selber.

Meine früheren Versuche mit Kerzen waren so mittelmäßig erfolgreich, denn ich musste in jedem Frühjahr tagelang die Rußschicht von den Scheiben putzen, was ohne Putzmittel, die man ja im Gewächshaus nicht gerne verwenden will, richtig Arbeit war. Mache ich nicht mehr.

Sobald die Pflanzen nach dem letzten Frost nach draußen dürfen, kommt der nächste Einsatz für mein Gewächshaus, nämlich als Übergangswohnheim für Tomaten und andere, die bei Nachttemperaturen wie Ende Mai 2021 sonst für längere Zeit in Schockstarre verfallen würden. Erst wnen die nach draußen an die Hauswand dürfen, ziehen die Gurken und Paprikas ein. Das Häuschen wird also wirklich gut genutzt.

Wenn man aber über einige Jahre den Garten und seine Bewohner beobachtet hat, stellt sich einem vermutlich die Frage:

Kann man Pflanzen nicht einfach auf Kältetoleranz züchten?

Erstaunlicherweise geht das bei einigen tatsächlich. Mir ist das vor allem bei den Tomaten aufgefallen. Sorten wie die Cleota Yellow wuchsen anfangs ziemlich schwächlich, andere nur im Gewächshaus, aber im Lauf von einigen Jahren konnte ich praktisch alle so gut an unser Klima gewöhnen, dass sie inzwischen – zumindest als ausgewachsene Pflanzen – sogar ganz leichte Minusgrade überstehen. Es lohnt sich also unbedingt, von den kräftigsten Pflanzen und den schönsten Früchten eigenes Saatgut zu gewinnen und weiter zu kultivieren. Gekaufte Samen sind ja oft in ganz anderen Gegenden gewonnen worden, meistens in Regionen mit idealem Anbauklima. Denen ist unser eigenes Saatgut ganz sicher überlegen.

Es gibt aber auch Pflanzenarten, die diese Kältetoleranz schon mitbringen. Meerrettich zum Beispiel, oder Knollenziest, einige Porreesorten, Grünkohl, Rosenkohl, auch Rote Bete, Pastinaken, Schwarzwurzeln und zahlreiche andere Gemüse sind für strenge Winter wie geschaffen. Das gleiche gilt für viele Beerensträucher, ganz gleich ob Himbeeren, Johannisbeeren, Stachelbeeren oder was auch immer. Deshalb finde ich diesen letzten Tipp besonders wichtig:

Ich kann schon bei der Aussaat und Auspflanzung für entspanntes Gärtnern sorgen

Wenn es von einer Obst-, Gemüse- oder Kräuterart mehrere Varianten gibt, nehme ich einfach die unempfindlichsten. Auch wenn man anfangs vielleicht möglichst von allem, was es gibt, etwas im eigenen Garten anbauen möchte, hat man viel weniger Arbeit und Sorgen, wenn man sich auf Kulturen besinnt, die es bei uns einfacher haben. Gestresstes Gemüse produziert ja ratzfatz auch gestresste Gärtnerinnen und Gärtner. Robuste Kulturen machen dagegen richtig Spaß und lassen uns auch in unwirtlichen Regionen unglaublich schönes Obst und Gemüse ernten.